
Erfolgskrimis aus Vorpommern
Usedom (dpa) - Die wegen Mordes an ihrem Ehemann verurteilte frühere Staatsanwältin Karin Lossow lebt seit Verbüßung ihrer Haftstrafe wieder auf der Ostseeinsel Usedom. In einem hübsch restaurierten Stallgebäude, ganz in der Nähe ihres Neffen, Hauptkommissar Rainer Witt (Till Firit) von der Kripo Heringsdorf. Dass Lossow (Katrin Sass) sich häufig in deren Ermittlungen einmischt, begeistert Witt und seine Kollegin Ellen Norgaard (Rikke Lylloff) nicht immer. Da kommt es gelegen, dass die studierte Juristin nun einen Job erhält - ein Vertretungs-Ehrenamt bei der Usedomer Familienhilfe.
Gaststar Walter Plathe ist als Obdachloser dabei
Doch wie man Lossow kennt, ist sie bald mittendrin in einem zunächst sehr verworren wirkenden «Der Usedom-Krimi»-Fall. Er heißt «Wunschkind» und ist am Donnerstag (5. November) um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
Die Episode markiert als 30. Film ein Jubiläum der seit 2014 laufenden, oft melancholisch stimmungsvoll getönten und auch international sehr erfolgreichen Reihe. In Deutschland lag der Marktanteil beim Gesamtpublikum zuletzt bei gut 25 Prozent. Und zum Jubiläum gibt es ein Wiedersehen mit dem Publikumsliebling Walter Plathe (75, «Der Landarzt», «Familie Dr. Kleist»), der als selbstbewusster Obdachloser Tilo mit einem Haufen Geldscheinen in der Tasche für verschmitzt-heitere Momente sorgt.
Der Krimi beginnt mit einem Zusammentreffen mehrerer Ereignisse: Während die junge Nathalie Schrader (Hannah Schiller) mit den Worten «Die wollen mir mein Kind wegnehmen» - obwohl ihr doch das Umgangsrecht für die kleine Greta wieder zugesprochen sei - bei der Familienhilfe erscheint, treibt im Hafenbecken ein Toter. Und im Kripo-Präsidium erklärt eine elegante Anwältin von der Insel, Anja Wichmann (Bettina Lamprecht): «Mein Mann ist verschwunden.»
Wunderbar vielschichtig gespielt
Natürlich hängt all das miteinander zusammen. Anja Wichmann und der Tote, Achim Wichmann, sind Gretas Pflegeeltern. Und auch Nathalies Mutter Sandra Schrader (Katrin Wichmann) erhöht die Komplexität der Geschichte, die Matthias Tiefenbacher (vorheriger Usedom-Fall «Mörder unter uns») nach dem Skript von Dinah Marte Golch und Isabell Serauky einfühlsam und spannend inszeniert hat.
Lossow wird zur Beschützerin und Mentorin Nathalies, die verzweifelt um das Kind kämpft. Denn die hatte sich zwar einmal schuldig gemacht, doch dafür gebüßt. Und Lossow findet: Jeder hat eine zweite Chance verdient. Am Ende agiert die lebenserfahrene, von Sass wieder wunderbar vielschichtig gespielte Ex-Staatsanwältin, die ihre Tochter vor Jahren verloren hat, mit salomonischen Worten.
Wer die Hauptdarstellerin und vielfach preisgekrönte Schauspielerin («Die Goldene Henne 2025») in ihrer Rolle als tiefgründige Kämpferin für Recht und Menschlichkeit über die Jahre verfolgt hat, möchte oft meinen, eine Seelenverwandtschaft zwischen beiden Frauen zu verspüren. Darauf angesprochen, antwortet Sass der Deutschen Presse-Agentur mit einem klaren «Ja». Und fügt hinzu: «Ich weiß nicht, ob die Karin geschrieben wurde, weil die Katrin so ist - oder ob die Katrin gesagt hat, wenn ich die mache, dann muss das meins werden.» Letzteres mache sie in Filmen eigentlich immer.
Damit es menschlich bleibt
«Damit es menschlich bleibt, denke ich, das kann ich nur so machen, wie ich bin», erzählt die bodenständig gebliebene Künstlerin, die vor einiger Zeit aus Berlin zurück in ihre mecklenburgische Heimatstadt Schwerin gezogen ist. «Denn die Texte sind ja von Menschen geschrieben, die ich manchmal gar nicht kenne. Das klingt manchmal fremd. Dann mache ich also auch dabei meine eigenen Sachen - ich streiche oder ich sage eben nicht "das ist schmutzig", sondern "das ist ein Scheißdreck".»
Eines unterscheide sie dennoch von Lossow, sagt Sass, die auf gar keinen Fall als «Star» bezeichnet werden möchte. «Karin ist etwas gelassener als Katrin - und da sollte ich mir hin und wieder etwas abgucken.»
In Mecklenburg sei das Leben deutlich ruhiger und friedlicher als in der Hauptstadt mit ihrem oft rauen Umgangston. Auch sie selbst sei dadurch entspannter als zuvor. Doch gerade am Vortag sei sie «komplett ausgerastet», als nämlich zwei junge Polizisten ihr ungerechterweise falsches Verhalten am Steuer vorwarfen. «Ich bin ausfällig geworden und laut. Und ich bin sicher, die Ex-Staatsanwältin würde sich heute auch noch so verhalten», erklärt Sass gut gelaunt.
Vorbild Miss Marple
Bedeutet der Umzug nach Schwerin, wo ihre Mutter Marga Heiden (1921-2013) einst Erfolge auf der plattdeutschen Fritz-Reuter-Bühne feierte und wo noch heute Verwandte leben, etwa einen gewissen Rückzug ins Private? «Das ist ein guter Satz», antwortet Sass, die jüngst ihren 70. Geburtstag gefeiert hat.
«Angekommen», wie manche dächten, fühle sie sich nämlich nicht - «nee, jetzt bin ich zu Hause.» Und spielen möchte sie weiterhin. «Für den "Usedom-Krimi" haben wir das Okay bis 2029. Was dann passiert, weiß ich nicht», erklärt die Filmkünstlerin. «Deshalb habe ich schon mal vorbeugend von Miss Marple gesprochen - die hat ja altersmäßig sehr viel länger ermittelt.»