
Jahrzehntelange Weltreise
Hull (dpa) - In kurzer Hose und mit grau gewordenem Bart wurde Karl Bushby empfangen wie ein Held. Hunderte Menschen versammelten sich am Mittag auf dem Queen Victoria Square in der Heimatstadt des Abenteurers, der vor 28 Jahren Tausende Kilometer weit weg geflogen war, um zu Fuß zurückzukehren. «Das ist der absolute Wahnsinn», sagte der Brite, der etliche Hände schüttelte. Hinter ihm lagen rund 50.000 Kilometer Weltreise ohne motorisierte Hilfsmittel.
«So etwas hätte ich mir niemals vorstellen können», sagte der sichtlich ergriffene Abenteurer dem Sender Sky News. Es sei «überwältigend», wie viele Menschen gekommen seien, um ihn wieder zu Hause willkommen zu heißen. «Es war fantastisch, wieder im Vereinigten Königreich zu sein, und es dann so abzuschließen, das war einfach phänomenal.» Ihm zu Ehren wurde auf dem Queen Victoria Square sogar eine kleine Bühne aufgebaut.
Am Nachmittag sollte es noch fünf Kilometer weiter gehen zum Haus seiner Mutter Angela Bushby. Dutzende Medienvertreter begleiteten den 57-Jährigen; die Bilder gingen um die Welt. «Das ist so eine großartige Leistung», sagte die 65-jährige Caron während des Empfangs der Deutschen Presse-Agentur. Bushbys Leben werde jetzt «anders» sein, das Leben in Hull habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, sagte die Anwohnerin. Als der Brite seine Heimatstadt damals verlassen hatte, war er Ende 20.
Mit «The Beast» und 500 Dollar
Angefangen hatte alles am 1. November 1998, als Bushby in Punta Arenas im Süden Chiles zu seinem außergewöhnlichen Abenteuer aufbrach. Ab diesem Zeitpunkt galten für den ehemaligen Soldaten nur zwei Regeln: Er durfte keine Transportmittel nutzen, um auf seiner Route voranzukommen, und erst nach Abschluss der Expedition nach Hause zurückkehren. Auf den Weg machte er sich mit einem zweirädrigen Gepäckwagen, auch «The Beast» genannt, und gerade einmal 500 US-Dollar in der Tasche, wie die Zeitung «The Guardian» die Reise beschrieb.
Seine Route führte ihn zunächst durch Süd- und Mittelamerika, über die Vereinigten Staaten und Kanada bis nach Alaska. Weiter ging es nach Sibirien, durch Asien und nach Europa. Seit seinem Aufbruch im Jahr 1998 legte Bushby nach Angaben seines Presseteams etwa 50.000 Kilometer zurück und bereiste 29 Länder. Dabei bewältigte er nicht nur Gebirge, Wüsten und Dschungel, sondern auch extreme Kälte und gefährliche Gewässer.
Dutzende Tage schwamm er etwa durch das Kaspische Meer, um von Kasachstan nach Aserbaidschan zu gelangen. Auch um nach 28 Jahren endlich wieder britischen Boden unter den Füßen zu haben, musste er ab ins Wasser. Mit einer Sondergenehmigung schwamm Bushby Anfang Oktober über den Ärmelkanal von Frankreich nach England. Das Finale seiner Reise hatte sich bereits angekündigt. «Ich möchte das nicht mehr lange so weitermachen», hatte er der BBC in Belgien im September gesagt.
Angedacht hatte der Abenteurer für die besondere Expedition ursprünglich zwölf Jahre, nun wurden fast drei Jahrzehnte daraus. Seine Reise musste er unter anderem wegen Visa-Problemen, finanzieller Schwierigkeiten oder politischer Hindernisse unterbrechen und etwa auf Flugzeuge zurückgreifen. Zeitweise lebte Bushby deshalb in Mexiko oder in den USA. Um seine Regeln nicht zu brechen, kehrte er nach den unfreiwilligen Pausen immer wieder an den Punkt zurück, an dem er seine offizielle Wanderroute unterbrochen hatte.
Dabei wurde es für den Abenteurer mitunter auch lebensgefährlich. 2006 wurde er etwa im Zuge der riskanten Überquerung der Beringstraße - eine vereiste, bitterkalte Meerenge zwischen Asien und Amerika - nicht nur von einem Eisbären bedroht, sondern schließlich auch von russischen Grenzbeamten festgenommen. Mit dabei war auch der französisch-amerikanische Abenteurer Dimitri Kieffer. Auch der Verlust von Investoren im Zuge der Weltwirtschaftskrise 2008 oder die Corona-Pandemie setzten ihm zu. Auf der offiziellen Webseite veröffentlichte Tagebucheinträge geben Einblicke in die Probleme, die Bushby in all den Jahren bekämpfen musste.
Doch auch zu Hause musste der heute 57-Jährige Opfer hinnehmen, um seinen Plan in die Tat umsetzen zu können. Als Bushby aufbrach, hinterließ er in England einen kleinen Sohn. Inzwischen hat er eigenen Angaben nach eine Enkelin, die er bisher nicht kennengelernt hat. Das Verhältnis zu seinem Sohn Adam sei jedoch, auch wegen vieler offener Gespräche, gut. «Er versteht seinen Vater, und er ist einer meiner größten Fans», sagte Bushby dem «Guardian» zuletzt.
Dokumentation von Werner Herzog
Bushbys außergewöhnliche Geschichte kann demnächst auch auf der Leinwand verfolgt werden. Der bekannte deutsche Regisseur Werner Herzog begleitete Bushbys Rückkehr nach Großbritannien. Am 5. Oktober 2026 empfing der deutsche Regisseur den Abenteurer am Shakespeare Beach bei Dover, nachdem dieser den Ärmelkanal durchschwommen hatte. Demnächst soll die Dokumentation mit dem Titel «Walk of Life» erscheinen und dokumentieren, wie Bushby an die Grenzen seiner körperlichen und psychischen Belastbarkeit gelangte. Herzog begleitete Bushby auch auf seinen letzten Metern in Hull.


